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Hiroshima, 6. August 1945, Gedenkveranstaltung in Düren, 06.08.2020

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
meine Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde der Friedensbewegung!

Als ich vor kurzem Freunden das heutige Datum nannte und sie fragte, was sie damit in Verbindung bringen, gab es wiederholt ratlose Gesichter. Ach ja, hieß es dann, als ich das Wort Hiroshima nannte. „Die Bombe“ ist also nicht mehr im Fokus. Da befindet sich derzeit die Corona Pandemie, vielleicht noch der Klimawandel, die Flüchtlingskrise.
Das war anders, als wir von der Friedensbewegung, zu der ich als IPPNW-Mitglied („Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung“) seit den Anfängen gehöre, im Herbst 1981 zu zig-tausenden nach Bonn fuhren. Eine kleinere Anzahl ging später auch immer wieder zu dem nahe gelegenen NATO-Flughafen Nörvenich vielleicht auch nach Büchel, wo heute noch geschätzt 20 Atomsprengköpfe lagern sollen. Weltweit liegen laut Friedensforschungsinstitut SIPRI heute 13.000 Sprengköpfe in den Arsenalen
Wenn ich einmal 75 Jahre zurückdenke, ich war damals 11 Jahre alt, fällt mir wieder ein, dass bei uns kurz vor Ende des 2. Weltkriegs hinter vorgehaltener Hand von einer Geheimwaffe getuschelt wurde, durch die „wir“ den Krieg doch noch gewinnen könnten. Was ich sehr viel später erfuhr: Tatsächlich arbeiteten deutsche Forscher an der Entwicklung einer deutschen Bombe mit nie dagewesener Sprengkraft und immerhin gab es ja mit der „V1“ und der „V 2“ auch schon neue effektive und weitreichende Trägerraketen mit konventionellem Sprengstoff, die in England erhebliche Schäden anrichteten.
Die Atombombe als Ursache des grauenvollen Sterbens und eines 100.000-fachen qualvollen Weiterlebens in Hiroshima und drei Tage später in Nagasaki, wurde jahrelang geheim gehalten und geriet erst viel später in unser „kleines“ Bewusstsein. Heute wissen wir, dass der Beschluss der USA, in der Wüste von New Mexiko eine Kernwaffe zu entwickeln als „Manhattan-Projekt“ zu dem ersten erfolgreichen Test („Trinity Test“) einer Atomwaffe am 16. Juli 1945 führte. Ursprünglich hatten die Amerikaner wohl sogar daran gedacht, erstmalig „die Bombe“ auf Deutschland, vermutlich in der Gegend von Mannheim und Saarbrücken, abzuwerfen. Das Kriegsende in Europa im Mai 1945 kam dieser Idee zuvor.
Als Motiv für den Einsatz der Bomben gilt weithin, Japan möglichst schnell zur Kapitulation zu zwingen. Heute glauben viele Historiker, dass es keiner Kernwaffen bedurft hätte, um den Krieg auch im Pazifik zu beenden (DIE ZEIT, S.15 am 06.08.2020.) Einen anderen Aspekt hat Shigemi Ideguchi geäußert, der sich als 26jähriger Offizier heute vor 75 Jahren nur etwa 500 Meter vom Zentrum der Explosion befunden hat. 1989 legt er in seinem Erlebnisbericht dar, dass es die Absicht der Amerikaner war, die Bombe „am lebenden Objekt“ zu testen. So ist er auch der Meinung, dass die Bombe nicht nur die Kraft hat, Menschen zu töten und zu verletzen: Sie besitzt auch die Kraft, die Seelen derjenigen, die sie gebaut haben und besitzen, zu verseuchen.
Zu den Fakten, die schon einmal in Vergessenheit geraten: In Hiroshima gab es sofort nach dem Abwurf 70.000 - 80.000 Tote durch Verbrennung und die mechanische Schockwelle, in Nagasaki waren es sofort 22.000 Frauen, Männer und Kinder. Im Lauf des Jahres und der folgenden Jahre gab es 100.000 Strahlenkranke, von denen ein großer Teil qualvoll starb. Aktuell gezeigte Filme mit Aufnahmen von Bombenopfern mit ihren extremen Gewebeverletzungen, Verbrennungen und Narbenwucherungen sind auch für die Augen von Medizinern kaum zu ertragen. Die heute noch Überlebenden, in Japan Hibakusha genannt, sind jetzt durchschnittlich über 83 Jahre alt. Sie waren und sind die größte Zeit ihres Lebens als Außenseiter wegen ihrer Entstellungen, wegen des Verdachtes als Überträger von Infektionen und ihrer Schäden im Erbgut zum Teil bis heute diskriminiert. Es steht für mich außer Frage, dass es sich bei diesen beiden Ereignissen vor 75 Jahren um schwerste Verbrechen an der Menschheit handelt, die bis heute ungeahndet sind.
Heute besitzen die Vetomächte im UN-Sicherheitsrat USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich Atombomben, außerdem Israel, Indien, Pakistan, Nordkorea, vielleicht auch bald Iran. In der Zeit des Kalten Krieges summierte sich die Sprengkraft und Strahlenstärke – in dieser Woche im SPIEGEL zu lesen - auf die Wirkung von 1,5 Millionen Hiroshima-Bomben. Durch eine Vielzahl von Verträgen der Abrüstung und Rüstungskontrolle ist es heute die Kraft von „nur“ noch 100.000 Hiroshimabomben – was geeignet wäre, uns Erdbewohnern insgesamt ein Lebensende zu bereiten. Dennoch setzt sich der derzeitige amerikanische Präsident dafür ein, die US-amerikanischen Ausgaben für Kernwaffen im nächsten Jahr von 37,3 auf 44,5 Milliarden Dollar zu erhöhen (SPIEGEL, Nr. 32, S. 77).
Wie gerufen erreicht mich heute ein Brief des Vorstandes der IPPNW: Die Chancen auf Abrüstung und Entspannung scheinen gegenwärtig nicht gut. Die in Jahrzehnten erbaute Sicherheitsarchitektur aus Rüstungskontoll- und Abrüstungsverträgen sowie Formen internationaler Transparenz und des Ausgleichs zerfällt vor unseren Augen. Diese kritische Lage stellt große Herausforderungen an Friedensorganisationen wie die IPPNW.
Ein wachsendes gegenseitiges Misstrauen führt zu verstärkter militärischer Aufrüstung und diese schürt wiederum neues Misstrauen. Atomwaffen spielen in der Sicherheitsstrategie Russlands und der NATO wieder eine wichtigere Rolle. Es zeichnet sich ein atomares Wettrüsten ab, bei dem es heute nicht so sehr um die Menge an Sprengköpfen geht, sondern darum für jedes militärische Szenario eine einsetzbare Waffengattung zu haben. Das wird dazu führen, die Einsatzschwelle der Massenvernichtungswaffen herabzusetzen. (Zitatende)
Prof. Ulrich Gottstein, Ehrenvorstand der IPPNW, den wir vor etlichen Jahren in der Marienkirche aus Anlass einer Gedenkfeier zur Zerstörung Dürens am 16. November 1944 begrüßen konnten, hat sich im Mai dieses Jahres zu dem heutigen Tag geäußert: Wir sollten es nicht zulassen, dass der deutschen Bevölkerung weisgemacht wird, dass wir wegen der schützenden nuklearen Teilhabe auch selber Atomwaffen besitzen müssen. Lassen wir nicht zu, dass Milliarden Euro für die Anschaffung atomwaffenfähiger Kampfflugzeuge und anderer Kriegswaffen ausgegeben werden. Die 49 Milliarden US-Dollar, die Deutschland 2019 für militärische Rüstung ausgegeben hat, wären dringend nötig für Millionen Menschen in Hunger, Krankheit und Not auf unserer Erde und zur Verhütung und Behandlung der Corona-Krise (…) Wir müssen heraus aus der “Menschheits-Krise des nationalen Egozentrismus“ hin zu einer Politik von Frieden und Mitmenschlichkeit.
Soweit Ulrich Gottsteins Forderung. Sie hat, wie ich meine, Herz und Verstand. Wir sollten hinter ihr stehen. „Wer resigniert, hat schon verloren.“

Vielen Dank fürs Zuhören!

(L. P. Johannsen, 06.08 2020)

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So spricht der HERR Zebaoth: Wer euch antastet, der tastet seinen Augapfel an.
Sacharja 2,12